Frischer Wind beim hannoverschen Figurentheater:
In der „Theatrio“-Spielstätte zieht jetzt JAMES MCDOWELL die Fäden.

Ein New Yorker Balletttänzer wird Geschäftsführer des hannoverschen Figurentheater-Hauses – eine unwahrscheinliche Geschichte? Mag sein. Aber eine wahre. Und wenn man James McDowell in seinem Büro gegenübersitzt, merkt man schnell, dass er die Spielstätte am Großen Kolonnenweg kräftig aufzumöbeln gedenkt.

Jörg Worat, nobilis 05/2016

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Drei Figurentheater – der Begriff „Puppentheater“ wird in der Szene wegen drohender Kasper-Assoziationen ungern gehört – sind hier zugange: „Marmelock“ von Britt Wolfgramm, Christian Kruses „Neumond“ und die Bühne von Gerhard Seiler, den alle nur Toni nennen. Seit 2007 besteht die Vahrenwalder Spielstätte, anfangs noch mit Beteiligung des „Neumond“-Vorläufers „Filou Fox“. Eine gewisse Tradition ist also vorhanden, doch sieht McDowell eine Menge Verbesserungspotenzial. Er ist seit Jahresbeginn vor Ort tätig und bekennt freimütig, dass er keineswegs als Veteran des Figurentheaters gelten kann: „Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Es hat sich aus einem Gespräch zwischen meiner Frau und Christian Kruse ergeben. Aber ich habe 35 Jahre Erfahrung, wie man Theater macht.“

Bevor wir jedoch in diese abenteuerliche Biographie einsteigen, soll erst einmal die Rede davon sein, was sich im Figurentheaterhaus ändern wird. Das ist zunächst einmal die Anzahl der Vorstellungen – sind nach dem jetzigen Stand zuweilen lediglich 12 bis 15 Vorstellungen pro Monat angesetzt, schwebt McDowell ein Fulltime-Programm vor: „Jeden Tag Kindervorstellungen und am Wochenende Erwachsenen-Theater.“ Denn entgegen landläufiger Klischees können die Figurenbühnen auch ältere Besucher begeistern, wie etwa Toni Seiler mit seinem Abend „Shakespeare in Eile“ beweist. Zumal es mannigfache Spielformen jenseits der gewohnten Handpuppen gibt, die auch McDowell teilweise erst kennenlernen musste: „Für mich bedeutete Figurentheater nur Marionetten. Dass aber die Spieler sichtbar mitwirken können, war mir ganz neu.“

Dem Auslastungsdefizit möchte der neue Geschäftsführer zudem mit der Ansiedlung neuer Bühnen begegnen: „Auf Dauer können wir das mit den vorhandenen drei Theatern nicht leisten.“ Daher hat McDowell Kontakte zur renommierten Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ geknüpft, die eine eigene Abteilung für das Figurentheater besitzt: „Ich habe da bei den Studenten ausgezeichnete Stücke gesehen, übrigens meistens gar nicht solche für Kinder. Und kann mir gut vorstellen, dass jemand von Ernst Busch nach dem Abschluss bei uns mitmacht. So viele Figurentheater- Häuser gibt es in Deutschland ja nicht.“ Der erste Schritt in diese Richtung soll ein Festival mit den Berlinern im kommenden Frühjahr sein.

Für den Herbst 2016 ist eine ganze Reihe von Gastspielen angesetzt. Aus Osnabrück kommen das Boulevardstück „Krise mit Luise“ und „Szenen einer Ehe“ nach Loriot, aus Dresden reist die Gruppe „Theatrium“ mit der schrägen Parabel „Adams Äpfel“ an. Und wer immer noch daran zweifelt, dass man mit Figuren auch sehr ernste Geschichten erzählen kann, wird spätestens durch „Hannes und Paul“ vom „Seifenblasen- Theater“ aus Meerbusch eines Besseren belehrt: Hier geht es, inspiriert durch Ovids „Pyramus und Thisbe“, um eine verbotene Liebe in der NS-Zeit.

Des Weiteren stehen theaterpädagogische Projekte ganz oben auf der Agenda. So ist eine Kooperation mit jungen Bewohnern aus nahe gelegenen Flüchtlingsunterkünften angedacht, inklusive Workshops zum Figurenbau und Aufführungen selbst entwickelter Stücke. Nun kostet all das natürlich Geld, und damit ist das hannoversche Haus nicht unbedingt reichlich gesegnet – es gibt zwar eine Förderung durch die Stadt, darüber hinaus jedoch keine regelmäßig gesicherten Einnahmen. So ist McDowell munter dabei, Anträge zu schreiben: „Stiftungen, Firmen, das Land Niedersachsen und so weiter. Wir müssen es schaffen, unsere Spielstätte auf eine solide finanzielle Grundlage zu stellen. Und ich sehe dafür auch sehr gute Chancen. Ich möchte, dass eines Tages dieses Figurentheaterzentrum überall in dieser Stadt und darüber hinaus ein Begriff ist.“

Dafür indes scheint McDowell durchaus der geeignete Mann zu sein. Wie sich erweist, könnte man mit seiner Lebensgeschichte mehrere Bücher füllen, und eine Kurzform ist keineswegs eine leichte Aufgabe. In Miami Beach geboren, wächst der Kosmopolit in New York auf und beschließt zum Entsetzen der Verwandtschaft, eine Karriere beim Ballett zu starten: „Daran war eine Frau schuld. Sie war in meinem Sportverein und erzählte eines Tages, sie bräuchte einen Tanzpartner. Ich war am Anfang gar nicht besonders begabt, aber gerade das wurde dann zur Herausforderung.“ Nach einem Gastspiel in Tel Aviv wollte McDowell unbedingt Europa kennenlernen und landete über Zürich und Frankreich in Deutschland: „Ich wusste, dass es dort für mich besonders gute Arbeitsbedingungen geben würde. Und tatsächlich hatte ich nach drei Tagen drei Angebote.“ Nacheinander zog es das umtriebige Multitalent nach Kassel, Augsburg und Bremerhaven, und besonders von der letztgenannten Station schwärmt McDowell heute noch: „Hafenstädte haben eine ganz spezielle Offenheit.“ Von daher logisch, dass es anschließend nach Hamburg ging, wo eine Mitarbeit am Musical „In 80 Tagen um die Welt“ angesagt war: „Dort habe ich Jérôme Savary kennengelernt, und von der ersten Sekunde an haben wir uns bestens verstanden.“ Wohl wegen seines internationalen Flairs wurde McDowell dann im Hamburger Betriebsbüro eingesetzt, wirkte anschließend als Stellvertretender Intendant in Heilbronn und als Betriebsdirektor am Staatstheater Braunschweig. Nicht verschwiegen werden soll natürlich auch die Leitung der Wormser Nibelungen-Festspiele in Zusammenarbeit mit Dieter Wedel und der Festspiele in Bad Hersfeld.

Bliebe vorerst nur noch zu klären, wie der Schritt nach Hannover erfolgte, und die Antwort hat etwas von Déjà -vu an sich: „Daran war eine Frau schuld.“ Nämlich Susanne, eine Theater-Kollegin aus Heilbronner Tagen, die McDowell nach zehn Jahren wiedertraf und die inzwischen als Kulturdezernentin in Celle tätig ist. Seit 2013 wohnt das Paar in der hannoverschen Oststadt und hat dort unter anderem durch das Aufhängen eines großen Banners mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ Furore gemacht: „Das war so eine Silvesteridee …“

Doch, man kann da von einer bewegten Karriere sprechen. Und genau so will James McDowell das auch haben: „Andere machen sich früh einen Lebensplan und folgen dem dann stur. Für mich wäre das nichts. Ich bin froh, dass ich jetzt wieder etwas Neues gefunden habe.“

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